Der Zug
von Janaros
Endlich seit Jahren mal wieder richtiger Schnee, ein Wetter, welches mich an meine Jugend erinnerte und an all die Freuden, die ein solches Wetter mit sich brachte. Mit 33 Jahren
und einer gescheiterten Ehe, die vier Kinder hinterlassen hatte, dachte ich natürlich nicht mehr an Schlittenfahren oder sonstige Kinderaktivitäten, sondern ich genoß das Wetter einfach nur, die
trockene Kälte, die die meisten Menschen in ihren Häusern verharren läßt.
Schon der Tag war wunderschön gewesen, hatte die Sonne den Schnee doch zu einer kristallernen Landschaft werden lassen, die Bäume bogen sich unter der Last des Schnees und die Luft
schien so klar wie lange nicht mehr.
Doch so schön der Tag auch war, die Nacht würde alles in den Schatten stellen.
Lange hatte es gedauert, bis die Wunden meiner Ehe verheilt waren und noch länger hatte es gedauert, mir einzugestehen, dass ich nun nicht mein Leben lang einer verflossenen Liebe
hinterhertrauern konnte und zusehen mußte, das wieder auf den Schnellzug des Lebens aufsprang, der mit jedem verstrichenen Jahr schneller zu fahren schien und sich unentwegt auf seinen
Zielbahnhof zubewegte.
Doch wie oft ich auch des Abends auf die Piste ging, ich fand einfach niemanden, der zu mir passen wollte. Natürlich war es zu ein paar Unterhaltungen gekommen, doch egal welches
Thema ich auch anschlug, immer kehrten meine Gedanken wieder an meine Exfrau zurück und ließen mich in tiefer Depression erstarren war nicht gerade zur erheiterung meiner Gesprächspartnerin
führte.
Eine Zeitlang, in der Zeit, wo meine Frau, ich und die Kinder noch eine Familie waren hatte es Momente gegeben, in denen ich mir eine Veränderung herbeisehnte. Durch einen Unfall
war ich Arbeistlosgeworden und in einen neuen Beruf einzutauchen braucht viel Zeit, vor allem dann, wenn es sich um ein komplett anderes Umfeld handelt.
Der Zug fuhr einfach immer schneller ohne daß ich Zeit hatte die Landschaft zu genießen. Jede Kurve oder Änderung der Strecke hätte etwas ändern können, doch als dann der Zug kurz
anhielt und ich meine Familie aussteigen sah verpasste ich die Türe und blieb auf der Strecke.
Vor zwei Stunden war die Abenddämmerung verblasst und der Mond schien nun auf die Landschaft und zauberte silberne Lichter auf den Schnee.
Es war Zeit, das Haus hinter mir zu lassen und in die kühle Winternacht abzutauchen. Mein Atem bildete kleine Wolken vor meinem Gesicht, die sich wie Geister in alle Richtungen
verstreuten.
Der Schnee schien unter meinen Schritten zu klagen, wenn ich meine Stiefel in ihn stieß und die unberührte Fläche für immer entjungferte.
Ich schien der einzige hier zu sein, der sich bei dieser Kälte nach draußen wagte, denn die meisten Anwohner des Viertels waren meist über achtzig und konnten sich bei solchem
Wetter nur mit fremder Hilfe fortbewegen. Aber es machte mir nichts aus. Ich war gerne allein.
Plötzlich hörte ich Schritte, die aus einer Einfahrt zu meiner rechten kamen. Also war ich doch nicht so alleine und drehte mich in die besagte Richtung um. Eine schlanke Gestalt
schälte sich aus der Dunkelheit und ging in meine Richtung.
„Guten Abend.“, sagte eine Stimme und ich stellte fest, daß ich es mit einer Frau zu tun hatte als das Mondlicht auf ein etwas bleiches Gesicht fiel welches in der Dunkelheit
leicht zu leuchten schien und von einer Mähne dunklen Haares gesäumt war.
Ihr Alter zu schätzen fiel mir bei diesem Licht schwer, auch hatte ich sie bis heute noch nie hier in der Gegend gesehen, jedenfalls war sie mir bis jetzt nicht aufgefallen, doch
ihr Alter konnte so um die Mitte zwanzig liegen.Wäre ich ihr schonmal begegnet, dann hätte ich mich bestimmt auch an sie erinnert.
„Guten Abend.“ Erwiderte ich leicht verwundert darüber, was eine Frau in ihrem alter um diese Zeit hier machte und ich schaute zu der Einfahrt, aus der sie gekommen war. Es war
alles dunkel.
Automatisch war ich stehengeblieben, was sonst eigentlich nicht mein Art war und schaute sie fragend an. Ich spürte irgendwie, daß sie etwas von mir wollte.
„Würde es ihnen etwas ausmachen, wenn sie mich durch den Wald begleiten würden ? Es ist später geworden als ich gerechnet hatte, aber meine Oma“, sie deutete auf die Auffahrt hinter sich, „ist
heute 92 geworden und irgendwie habe ich die Zeit wohl vergessen.“
Sie zuckte mit den Schultern und machte eine bedauernden Gesichtsausdruck. Erst jetzt, wo sie sich mir genähert hatte, sah ich, daß ihre Augen silbern im Mondlicht zu leuchten
schienen und ihr intensiver, tiefer Blick ließ mir Schauer über den Rücken wandern. Ihre langen Beine waren unter einer Jeans verborgen und endeten in schwarzen
schweren, aber recht bequem aussehenden Stiefeln. Eine braune Felljacke bewahrte sie vor der Winternachtskälte und erst jetzt, wo sie direkt vor mir stand konnte ich sehen, dass ich mich in ihrem
Alter um ca 5 Jahre verschätzt hatte und revidierte meine Einschätzung auf Anfang dreißig.
Nach etwa hundert Metern endete die Straße an einem Wendeplatz, an dem sich ein dichter Wald anschloß, durch welchen sich ein ausgetretener Fußweg
mehrere Kilometer bis kurz vor die Innenstadt hineinschlängelte.
Alleine und dann auch noch bei Nacht konnte er recht unheimlich wirken wie aus meiner Kindheit wußte, denn die Baumkronen wirken bei Mondlicht wie Knochenhände, die nach einem zu
greifen trachteten.
„Natürlich.“, sagte ich, denn wie hätte ich eine solche Bitte auch abschlagen sollen ?
„Danke.“, sagte sie, nahm meinen Arm und hakte sich wie selbstverständlich bei mir ein. Ich bin kein Mensch, der schnell Vertrauen fasst und normal vermeide ich jeden körperlichen
Kontakt mit Fremden, seien sie nun männlichem oder weiblichen Geschlechtes, doch diese Frau hatte irgendetwas an sich, was mich magisch anzuziehen schien. Doch da war auch noch ein Gefühl von
Bedrohung. Irgendwo in meinem Unterbewußtsein wußte ich, dass hier irgendetwas nicht stimmte, doch die Stimme war zu leise um die Neugierde zu übertönen.
Nebeneinander traten wir auf den engen Pfad, mußten dichter zusammenrücken und ich spürte plötzlich, dass eine eisige kälte von ihr auszugehen schien,
doch auch diesmal war verdrängte ich die Warnung und schaute auf ihr Gesicht, welches mich mit blutroten Lippen anlächelte.
Plötzlich blieb sie stehen.
„Stell dir vor, ein Zug hätte keinen Endbahnhof, er würde ewig weiterfahren und trotzdem könnte er an jeder Haltestelle verweilen, oder auf eine anderern Strecke sein Glück
versuchen.“
Ich erstarte.
Woher konnte sie von meinem Gedankenspiel mit dem Zug wissen. Hatte ich vielleicht laut vor mich hingeredet ? Außerdem war es eigene Stunden her, dass
ich über mein Leben philosophiert hatte !
Spätestens jetzt hätte ich die Warnung in meinem Inneren hören müssen, doch als sie mir in die Augen sah spürte ich plötzlich wie jeder Widerstand in mir zerbrach und ich fühlte
wie eine schwere Last von mir genommen wurde und ich zum ersten mal nicht an meine Exfrau dachte, als ich in die silbernen Augen der Fremden fiel.
Wie selbstverständlich legte ich meine Arme auf ihren Rücken, zog ich sie an mich heran und fühlte wie sich ihre Brüste gegen mich drängten. Ich spürte wie ihre Hände über meinen
Rücken glitten und meinen Nacken kraulten.
Zum letzten mal schrie meine Unterbewußtsein, ich soll machen dass ich fortkomme, doch ein einziger Blick in ihre Augen und es schwieg.
Als sich unsere Lippen trafen spürte ich eine wohlige Wärme in mir aufsteigen, die zu einem Feuer entfacht wurde und wie eine Feuerwand durch meinen Körper brannte.
Ihre Lippen - weich, kalt und drängend – wanderten hinunter zu meinem Kinn, glitten über meine pochende Halsschlagader.
Der kurze Schmerz war zu kurz um ihn zu registrieren als sich ihre Nadelspitzen Zähne durch neine Haut bohrten, meine Ader aufrissen und ihre Lippen den sprudelnden Saft willig in
sich aufnahmen.
Wie hätte ich mich wehren sollen ? Was hätte ich gehen ein solches Gefühl machen können, zog es mich doch in die ewige Dunkelheit und lehrte mich wie es sein kann, die absolute
Lust zu empfinden.
Schwärzer und schwärzer wurde die Nacht, aber ich erlebte eine Ekstase nach der anderen bis alles nur noch Dunkelheit war und ich spürte, wie sich mich, ihren Liebhaber langsam zu
Boden gleiten ließ.
Ja, seit jenem Tag hat mein Zug keinen Endbahnhof mehr und bringt mich an jede Stelle an der ich sein möchte. Auch sitze ich nicht mehr alleine in meinem Abteil, doch eines kann er
nicht, denn niemals hält er bei Tageslicht.
Ende